DER EHEMALIGE FRÜHLING... IN KUSHINAGAR

Es ist schon lange her, dass ich einen neuen Artikel geschrieben habe. Der fünfte Artikel war Anfang September fertig.Es sind nun schon mehr als drei Monate vergangen und es fiel mir nichts mehr ein außer dem Titel „Der ehemalige Frühling... in Kushinagar“. Heute Nachmittag habe ich beschlossen, diesen Artikel zu Ende zu bringen.
Gemäß der niedergeschriebenen Überlieferung des Mahāparinibbāna-Sutras war Kushinagar einst ein Reich der Malla-Völker. Zu dieser Zeit hielt sich der Buddha vermutlich in der Stadt Rajagaha im Königreich Magadha auf. Der Anfang des Mahāparinibbāna-Sutras berichtet von dem Ereignis, als der oberste Minister dieses Königreichs zum Buddha kam, um ihm von König Ajātasattus Wunsch zu berichten, das Volk der Vajji zu unterwerfen.
Zu diesem Zeitpunkt war der Buddha bereits 80 Jahre alt. Es war etwa 483 v. Chr. 45 Jahre lang war der Buddha zusammen mit 1 250 heiligen Schülern unterwegs. Er lehrte, soweit es die Umstände zuließen, war barhäuptig und barfuß, ertrug Sonne und Regen und litt manchmal Hunger. Er teilte Ānanda seine Gedanken wie folgt mit:
„Ānanda, ich bin nun alt, sehr alt sogar. Ich bin in einem fortgeschrittenen Alter und habe die letzte Phase meines Lebens erreicht. Ich bin derzeit achtzig Jahre alt. So wie ein alter, altersschwacher Karren mit einem Seil zusammen gehalten wird. Auf die gleiche Weise wird mein Körper am Leben gehalten. Manchmal trete ich, ohne mich auf irgendwelche Zeichen zu konzentrieren, in die zeichenlose Versenkung des Herzens ein und verbleibe dort, wenn bestimmte Gefühle aufhören. Dann fühlt sich mein Körper bequem an.“
Buddha ist inzwischen 80 Jahre alt. Als er damals sein Elternhaus verließ, war er ein durchtrainierter junger Mann, ein guter Bogenschütze sowie Pferdereiter. Nach sechs Jahren als Asket und 45 Jahren des Wanderns fühlte er sich wie ein altersschwacher Karren, der nur noch mit einem Seil zusammen gehalten wird. Obwohl er übernatürliche Kräfte [Abhijā (S), Abhiā (P)] besaß, lebten er und seine heiligen Gefährten ein einfaches Leben: einsam, ohne Familie, ohne eigenes Haus, ohne Besitz. Haben sich Buddha und seine heiligen Schüler für ein Leben in Weisheit, Mitgefühl, Freude und Gleichmut entschieden, um zum Wohle der himmlischen Reiche und der Menschenwelt zu dienen?
Begleitet von Ānanda wanderte der Erhabene mit der großen Versammlung der Mönche von der Stadt Rājagaha im Königreich Magadha durch viele Dörfer zur wohlhabenden Stadt Vesāli. Dies war das Gebiet der Stämme der Vajjī und der Licchavi, in dem einige Schüler Buddhas den Dharma lehrten. In Vesāli ließ Buddha dann Ānanda eine große Versammlung von Schülern zusammenrufen.
Die heutige Lehrrede ist von großer Bedeutung, denn bevor Buddha eine Ankündigung macht, die die himmlischen Reiche und die Menschenwelt beben lassen könnte, ist es wichtig, dass seine Schüler vorbereitet sind. Langsam und sanft erinnerte Buddha seine Schüler an das höchste Ziel der Mönchs-Kultivierung:
„Mönche, nun müsst ihr die Lehren, die ich erkannt und euch vermittelt habe, geschickt erlernen, verstehen, praktizieren und verbreiten, damit das heilige Leben fortbestehen und weitergeführt werden kann, zum Glück aller Wesen, zum Wohlergehen aller Wesen,
aus Mitgefühl für die Welt, zum Nutzen, Glück und Wohlergehen sowohl der Götter als auch der Menschen.
Mönche, was sind die Lehren, die ich erkannt und gelehrt habe? Ihr müsst sie geschickt lernen, verstehen, praktizieren und verbreiten, damit das heilige Leben fortbestehen und weitergeführt werden kann, zum Glück aller Wesen, zum Wohlergehen aller Wesen,
aus Mitgefühl für die Welt, zum Nutzen, Glück und Wohlergehen sowohl der Götter als auch der Menschen? Es sind die Vier edlen Wahrheiten [S: smṛtyupasthāna; P: satipaṭṭhāna]; Vier richtige Anstrengungen/Bemühungen [Sammāppadhana (P), Samyak-prahāṇa (S)]; Fünf spirituelle Fähigkeiten [s: pañcendriya]; Fünf Willensstärken [s, p: pañcabala)]; Sieben Faktoren des Erwachens [S: bodhipākṣika-dharma; P: bodhipak-khiya-dhamma]; Achtfacher Pfad der Erkenntnis [S: ārya-aṣṭāṅgika-mārga; P: ariya-aṭṭhāṅgika-magga].Mönche, es sind die Lehren, die ich erkannt und gelehrt habe? Ihr müsst sie geschickt lernen, verstehen, praktizieren und verbreiten, damit das heilige Leben fortbestehen und weitergeführt werden kann, zum Glück aller Wesen, zum Wohlergehen aller Wesen, aus Mitgefühl für die Welt, zum Nutzen, Glück und Wohlergehen sowohl der Götter als auch der Menschen.“
Dann sah der Buddha seine heiligen Gefährten liebevoll an. In tiefe Gelassenheit versunken, erinnerte er seine Anhänger an das Gesetz der Vergänglichkeit. Sanft kündigte er eine Nachricht an, die sowohl die Götter-Sphäre als auch die Anthroposphäre erschütterte.
„Mönche, dies sind meine letzten Worte an euch: Vergesst nicht, dass alles vergänglich ist! Strengt euch an, um euch von den Fesseln des Lebens zu befreien! Ich werde bald gehen. In drei Monaten werde ich sterben.“
Dann blickte der Buddha seine heiligen Gefährten noch einmal an. Einige Schüler nahmen die Ankündigung regungslos hin, denn ihnen war klar: „Alles, was geboren wird, wird auch sterben. Das ist ein Naturgesetz. Das lässt sich nicht ändern.“ Andere wiederum reagierten emotional: „Wie können Sie uns so früh verlassen!“
Da Buddha seine Schüler gut kannte, fügte er sanft und leise hinzu, als ob er mit sich selbst redete:
„Ich bin alt und habe nicht mehr lange zu leben.
Lebt wohl, ich werde allein gehen.
erhellt selbst euren Weg.“
Etwas lauter erinnerte Buddha seine Schüler daran, dass das Ziel der Kultivierung die Aufhebung des Leids ist.
„Haltet euch streng an die Gelübde,
bewahrt euren Geist vor Verunreinigung
wer danach strebt,
tritt aus dem Kreis des Daseins aus.“
Buddha erklärt, dass der Kultivierungsweg auf folgenden fünf Grundsteinen basiert:
- Beharrlichkeit
- Achtsamkeit
- Gelübde
- Willenskraft
- Reinen Geist
Folgende Eigenschaften hat der Erhabene oben bereits erwähnt:
- Vier edle Wahrheiten
- Vier Anstrengungen
- Vier Grundlagen übernatürlicher Macht
- Fünf spirituelle Fähigkeiten
- Fünf Willenskräfte
- Sieben Faktoren des Erwachens
- Achtfacher Pfad
und zum ersten Mal prophezeite Buddha seinen eigenen Tod, der in drei Monaten eintreten würde. Er befand sich zu dieser Zeit in der Hansastadt Vesāli, in der sich auch viele seiner Schüler aufhielten. So verbreitete sich seine Prophezeiung sehr schnell.
Als Buddha merkte, dass die Zeit gekommen war, entschied er sich, die Stadt Vesāli zu verlassen. Er blickte sich noch einmal um und flüsterte Ānanda zu:
„Ānanda, das ist das letzte Mal, dass ich Vesāli sehe.“
In den heiligen Schriften findet sich eine Bemerkung zu Buddhas letztem Blick auf Vesāli:
Er war wie der Blick eines majestätischen Elefanten. Wie war das Herz dieses Elefanten? War es von Trauer erfüllt?
Tagsüber gingen der Buddha und die Sangha, unabhängig davon, ob es regnete oder die Sonne strahlte, kahlköpfig und barfuß nach Kushinagar. Nachts ruhten sie sich aus.
Auf diesem langen Weg wiederholte der Buddha mehrmals Folgendes:
„So ist Gelübde, so ist Vertiefung, so ist Weisheit.
Wenn Vertiefung von Gelübde durchdrungen ist, ist sie sehr fruchtbar und wohltuend.
Wenn Weisheit von Vertiefung durchdrungen ist, ist sie sehr fruchtbar und wohltuend.
Wenn der Geist von Weisheit durchdrungen ist, wird er zu Recht von den Verunreinigungen befreit, nämlich den Verunreinigungen der Sinnlichkeit, dem Verlangen nach Wiedergeburt und der Unwissenheit“.
Der Geist im letzten Satz bezieht sich auf einen Geisteszustand des Gewahrseins, der einen standhaften Geist beschreibt, der von den Stürmen des Lebens unbeeindruckt bleibt – ähnlich wie „losgelöst von weltlichen Sorgen“. Dies befördert die Notwendigkeit, zum Horizont der Prajñā-Weisheit aufzusteigen und die ultimativen Wahrheiten zu verstehen: die Leere und Nichtigkeit der Welt, die illusorische Existenz und die wahre Realität der Dinge, so wie sie sind. Dann werden alle Verunreinigungen auf natürliche Weise verschwinden und und mit ihnen die gesamte Welt. Die illusorische Welt kehrt dabei in den Zustand stiller Ruhe zurück, der als Nirvana bezeichnet wird.
Entlang der langen, staubigen Straße flossen unzählige kostbare Worte vom Buddha – ein Geschenk für all jene, die sie als reines Gold, als unbezahlbare Juwelen erkannten.
Und im Sala-Wald, dem Waldgarten des Māllā-Stammes: Der Buddha lag auf einem goldenen Gewand, das auf grünem Gras ausgebreitet war. Er war von herabgefallenen, purpurroten Sala-Blüten umgeben. Er lag auf seiner rechten Hüfte, sein Gesicht war ruhig und seine mitfühlenden Augen ruhten auf jedem seiner Schüler. Er sprach seine letzten Worte:
„Nun, Mönche, ich rate euch: Alle bedingten Phänomene sind vergänglich. Strebt fleißig und seid nicht nachlässig.“
Das war das letzte Wort vom Buddha.
Dann schloss der Erhabene seine Augen und ging ins Himmelreich. Die Blüten des Sala-Baums fielen zu Boden. Kushinagar versank im Nebel.
Ich war einmal auf Pilgerfahrt in Kushinagar. An einem nebligen Tag besuchte ich das dortige Denkmal Ramabhar. Überall war es milchig weiß, die Farbe der Trauer. Ich fragte mich: War es an dem Tag, als Buddha starb, auch so neblig wie heute?
Nun bin ich im Zen-Haus Chan Nhu. Hier herrscht Winter. Der Himmel ist grau. Die Sonne lässt sich kaum blicken. Im Hofgarten des Zen-Hauses Chan Nhu gibt es nur Tannen und Fichten, aber keinen Sala-Baum. Der Rasen ist eher schwarz als grün. Überall liegt Laub. Es ist Zeit, an unseren Lehrer zu erinnern. Aber wann denke ich denn nicht an unseren Meister? Ein gelbes Blatt fällt runter.
Auf dem letzten Gemälde ist lediglich eine purpurrote Salablüte zu sehen, die herabfällt. Oder ein einzelnes, gelbes, trockenes Blatt, das von einem Zweig gefallen ist und im Garten verstreut liegt.
Buddhistisches Meditationshaus Chan Nhu, den 19-12-2025
TN
Link zum vietnamesischen Artikel: https://tanhkhong.org/p105a5170/triet-nhu-dau-chan-tren-cat-bai-12-mua-xuan-nam-do-tai-kushinagar-
